moserêthikê

Abschiede

 
Kater

Nur zwei Monate nach der Katze wird auch der Kater sterbenskrank. Er frisst nicht, er bekommt kaum Luft. Ein Röntgenbild zeigt keine Lunge mehr, sondern nur noch einen grauen Schatten von Wasser. Schwankend und schwach lässt sich das große kleine Tier in seinen letzten Stunden noch ein letztes Mal in die Badewanne plumpsen, damit man ihm zum Spielen das Wasser aufdreht. Er miaut herzerweichend wie ein Baby und schläft beim Kraulen auf der Couch fast schon ganz ein. Den toten Körper beim Arzt zurückzulassen, ist ein seelischer Kraftakt.

Ich komme heim in eine leere Wohnung, in der Katzenfutter, Katzentoilette, Katzenpappkartons ihren Sinn verloren haben. Ebenso wie der Großteil meiner Alltagsroutinen. Die Wohnung ist auf einmal nur noch ein Ort.






 
metis

Ich wollte eine Hommage an die kleine Katze schreiben, die seit Montag nur noch ein Geist in meiner Wohnung ist, aber es gelingt mir nicht. Zu nah. Mein Verstand setzt jedesmal ein bisschen aus, wenn ich darüber nachdenke. Und ersetzt alle Wörter durch Bilder von ihr. Ich sehe sie auf jedem Möbelstück. Sehe, wie sie sich in der Sonne räkelt. Sehe aber auch den Schatten, der sie zum Schluss war. In der Wohnung sind noch ihre Haare verteilt und ich schaffe es nicht, den Staubsauger anzuwerfen.

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So nimmt 2016 auch noch mir die Katze und meiner Cousine den Mann.

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Die eigentliche Trauer bzw. der Versuch, um dieses Loch herumzuleben, das muss jeder ganz allein für sich machen.






 
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kornblume






 
"Als ob Herzen immer schon ahnen, was kommt. Als ob Trauer etwas ist, was man nicht früh genug lernen kann. Frühling ist ja immer Trauerarbeit. Bärlauch. Kastanien. Flieder. All das Butterhoffnungsgelb. Die im Winter sterben, sterben in sicheren Farben."

Heute wärst du 61 Jahre alt geworden. Aber es ist, als habest du es auf der 60 beruhen lassen wollen. 60 Jahre: Das war der Sieg. Der Sieg gegen alle Prognosen. Der Sieg deines mit Selbstverständlichkeit gesagten und gefühlten Satzes: Aber ich habe doch gar nichts. Die 61 wäre eine Bürde gewesen. Der Weg zur 70 zu lang.

Du hast es in dir gehabt, das Wissen um den richtigen Zeitpunkt. Wann man kommen, wann man bleiben und wann man gehen sollte.

Der Winter war zu Ende, als du gingst, und der Frühling kam am Tag deiner Beerdigung.

Und ich ertappe mich immer wieder in diesem kraftvollen, klaren Frühling, durch den ich ohne Halt stolpere, beim Gedanken: Wie gern du hier in der Sonne gesessen hättest. Und genau dies ist mein letztes schönes Bild und mein letztes Foto von dir: Wie du, fertig angezogen und bereit, um endlich aus dem verhassten Krankenhaus in deine Wohnung zurückzukehren, auf dem Bett liegst. Ich sagte zu dir: Mach ruhig nochmal die Augen zu, es dauert noch einen Moment. Und dankbar schlossest du die Augen, richtetest dein Gesicht in die Sonne und schliefst ein, friedlich. Ich machte das Foto heimlich, denn ich wusste, ich würde es bald brauchen.

Das andere Foto habe ich sofort wieder gelöscht.

Wie sehr du mir fehlen würdest, habe ich nicht geahnt. Mir fehlt nicht das Gespräch - wir waren nie Gesprächspartner, ich redete eher hilflos zu dir, immer schon in dem Gefühl, mit dem, was ich dir erzählte, sowieso nie deine Hoffnungen und Erwartungen an mich erfüllen zu können -, mir fehlt es einfach, dass du da bist. Und es ist, als sei ein großer Teil von dem gestorben, was ich bin. Und als ob ich nun von vorne anfangen muss. Ganz von vorn.

Und vielleicht gerade weil du so still warst, ist es jetzt unfassbar still geworden.






 
Ihre Sachen durchgehen, ihren Schmuck durchgehen. Mit dem Bild im Kopf, wie eine Fremde ihren Mantel tragen wird. In dessen Taschen noch ihre Taschentücher sind. Nicht loslassen können. Und plötzlich die Erinnerung, wie ich müde in Prof. Moskopps Neurochirurgie auf die Oberärztin warte und die Sinnlosigkeit all dessen fühle. Und trotzdem sitzen bleibe, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Und immer wieder dieses verschwommene Bild und unscharfe Gefühl davon, wie das Sterben war. Es nicht ergreifen können. Wo war noch Leben, ab wann war der Tod? Sie war einfach nicht mehr da.






 
beerdigung2

Vogelgezwitscher, Tränen und Kiefer mit sechs Griffen.

beerdigung3

Ps. 103, 15-16, Bach-Sonate und Verbeugung.

beerdigung4

Löwenmäulchen und Bienen.






 
Diese alte Liebe
Dieser neue Tag
Ein letzter Blick
Ein letzter Rest
Von letzter Luft

Ein weißer Himmel
Ein weißes Bett
Und das schieben wir
Das schieben wir in die Luft
Mal sehen wo's hinfliegt

Die Sonden, die Maschinen
Die Infusionen
Die stellen wir ab

Mal sehen wo's hinfliegt

Es ist genug, genug
Es war genug
Wir stellen es ab

Und dann dreht sich das Segel
Und ein neuer Wind kommt auf

Die Reise geht
Zurück an den Anfang
Und es blinkt in der Nacht
Ein heller, klarer Blick

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag
Deiner, deiner, deiner

Wo du jetzt bist
Und wo du jetzt schon nicht mehr warst
Wo du jetzt bist
Das möcht' ich wissen, wissen, wissen, wissen, wissen

Diese alte Liebe
In eine neue Kiste
Auf in eine weite Nacht
Schwärzer, schwärzer wird es nicht mehr sein

Nur ein paar alte Sachen
Die würd' ich gern noch wissen
Den Rest könnt ihr haben, den Rest, den Rest

Das ganze alte Zeug
Wir lassen es fallen
Es streut sich im Wind
Du wirst es verstehen
Der Himmel ist voll
Von dir und dem deinen
Wir lassen es fallen
Komm lass uns gehen

Denn jetzt dreht sich das Segel
Und ein neuer Wind kommt auf
Die Reise geht
Zurück an den Anfang
Und es blinkt in der Nacht
Ein heller klarer Blick

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag
Deiner, deiner, deiner

Wo du jetzt bist
Und wo du jetzt schon nicht mehr warst
Wo du jetzt bist
Das möchte ich wissen, wissen
Wir wissen

Es ist schwer zu gehen
Wenn alle, alle, alle, alle anderen bleiben.






 






 
Auf dass dein Denken jetzt wieder frei ist. Auf jeden Fall Ruhe.






 
Keine Sprechstunde.







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