moserêthikê

Bildungen

 
Gestern den Film Vaterland im Kino gesehen, den ich nur empfehlen kann. Ich empfand ihn auf mehreren Ebenen meisterhaft: Schauspieler, Komposition der Bilder, Aufbau der einzelnen Szenen, Drehbuch.

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Und es wird einem in ganz einfachen Bildern noch mal deutlich vor Augen geführt, zum einen was wir eigentlich schon überwunden hatten, was wir als Deutschland nie wieder erleben wollten, zum anderen - und das geht einem bei diesem Film durch den Körper wie ein Schauer - wie dicht wir nun schon daran sind, Geschichte zu wiederholen, und wie wenig sich ändert, weil die Menschen eben einfach immer gleich bleiben. So war es beim Übergang nach dem Krieg zu den neuen Staatsverhältnissen; so ist es jetzt.

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Ein Punkt, den ich neulich irgendwo las zu dem ganzen Komplex Ost gegen West, wird hier auch sehr eindrücklich gezeigt: Wir müssen uns klarmachen, dass dieser Kontrast, der jetzt immer noch so viel Konfliktpotenzial hat und jetzt wieder das Einfallstor für die neuen rechtsextremistischen Kräfte ist, dass dieser Graben nicht bestünde, wenn nicht die sogenannten Nationalsozialisten uns alle in diesen grauenvollen Krieg geschickt hätten.

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In dem Zuge kann man dann auch mal Thomas Manns Deutsche Ansprache, Ein Appell an die Vernunft, lesen, die er 1930 gehalten hat, nachdem die Nazis bei den Reichstagswahlen mit 18,3 Prozent (!!!!) die zweitstärkste Kraft stellten.
Darüber sind wie schon längst hinaus.

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Ein paar kurze Ausschnitte daraus:

"Nun geht eine neue Welle wirtschaftlicher Krisis über uns hin und wühlt die politischen Leidenschaften auf; denn man braucht nicht materialistischer Marxist zu sein, um zu begreifen, daß das politische Fühlen und Denken der Massen weitgehend von ihrem wirtschaftlichen Befinden bestimmt wird, daß sie diese in politische Kritik umsetzen, wie wenn ein kranker Philosoph seine physiologischen Hemmungen ohne ideelle Korrektur in Lebenskritik umsetzte. Es heißt wohl zuviel verlangen, wenn man von einem wirtschaftlich kranken Volk ein gesundes politisches Denken fordert. [...
Ich bin ein Kind des deutschen Bürgertums, und nie habe ich die seelischen Überlieferungen verleugnet, die mit einer solchen Herkunft gegeben sind; von der Sympathie breiter deutscher bürgerlicher Gesittung war meine Arbeit getragen, von dem sittlichen Vertrauen jenes Deutschland also, das immer noch für die innere Haltung, das geistige Gesamtbild Deutschlands entscheidend ist; und es heißt nur Vertrauen gegen Vertrauen setzen, wenn ich mich mit meinem bedrängten Selbstgespräch an das deutsche Bürgertum wende, nicht als Klassenmensch — das bin ich nicht —, auch nicht als Parteigänger irgendeines politisch-wirtschaftlichen Interessenbundes — ich gehöre keinem an. Sondern auf jener geistigen Ebene möchte ich mich mit Ihnen finden, auf welcher selbst der Begriff deutscher Bürgerlichkeit eigentlich angesiedelt ist und die deutsch-bürgerlicher Denkungsart wenigstens bis gestern noch natürlich war. Wie wenig hätte ich mich der Exzentrizität meines Schrittes zu schämen, wenn diese Begegnung im geringsten, mit irgendeinem Wort beitragen könnte zu jener Besinnung, die mir noch immer als etwas Deutscheres erscheint als die schrille Parole, die heute zur Rettung und Wiedererhebung des* Vaterlandes ausgegeben wird: als die Parole des Fanatismus. — [...]
Vielleicht scheint es Ihnen kühn, meine geehrten Zuhörer, den radikalen Nationalismus von heute mit solchen Ideen einer romantisierenden Philosophie in Zusammenhang zu bringen, und doch ist ein solcher Zusammenhang da und will erkannt sein von dem, dem es um Verstehen und Einsicht in den Zusammenhang der Dinge zu tun ist. Es findet sich mehr zusammen, um die politische Bewegung, von der wir sprechen, die nationalsozialistische, vom Geistigen her zu stärken. Dazu gehört eine gewisse Philologenideologie, Germanisten-Romantik und Nordgläubigkeit aus akademisch-professoraler Sphäre, die in einem Idiom von mystischem Biedersinn und verstiegener Abgeschmacktheit mit Vokabeln wie rassisch, völkisch, hündisch, heldisch auf die Deutschen von 1930 einredet und der Bewegung ein Ingrediens von verschwärmter Bildungsbarbarei hinzufügt, gefährlicher und weltentfremdender, die Gehirne noch ärger verschwemmend und verklebend als die Weltfremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt haben.
Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zuströmen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Namen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsroheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen. Die abenteuerliche Entwicklung der Technik mit ihren Triumphen und Katastrophen, Lärm und Sensation des Sportrekordes, Überschätzung und wilde Überzahlung des Massen anziehenden Stars, Box-Meetings mit Millionen-Honoraren vor Schaumengen in Riesenzahl: dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zusammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen, wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. [...]
Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.
Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die Glieder werfende Unbesonnenheit, die orgiastische Verleugnung von Vernunft, Menschenwürde, geistiger Haltung in irgendeiner tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Dürfen die Verkünder des radikalen Nationalismus sich allzuviel einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie gefunden, und ist der Nationalsozialismus parteimäßig gesehen nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, der an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen ist mit der sozialdemokratischen Massenorganisation? Nur der Fanatismus, so heißt es, kann Deutschland wieder aufrichten. [...]"






 
Buchstäblich über Nacht ist der Herbst gekommen. Nach Wochen ohne Regen fielen 25 mm. Und trotzdem keine einzige Pfütze.

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Mein Not-kurz-vor-Burn-out-Urlaub ist zu Ende, bevor ich überhaupt wieder angefangen habe zu atmen. Jetzt sechs Wochen schaffen bis zum nächsten.

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Morgen beginnen wieder Arbeiten am Haus.

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Die Schwalben ballen sich immer mehr zusammen, bald sind sie weg. Sie müssen sich nicht mit Demokratien auseinandersetzen. Ich habe derweil angefangen zu spenden und versuche mich im Netzwerken im Kleinen. Hoffentlich sind die Bande am Ende stark genug, wenn es drauf ankommt.

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The Last Days (1998).






 
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Rites de séparation.

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Wie das Flugzeug sich Miami näherte, durch den Sonnenuntergang in die Dunkelheit hinein. Und ich mich losgelöst von allem fühlte, gekappt, schwerelos durch die Müdigkeit und die Ereignisse auf der anderen Seite. Und wie das Flugzeug stillzustehen schien: unter mir nur ein dunkles, und dennoch aus sich selbst heraus zu glimmen scheinendes Meer. Unter, über, neben mir kleine fluffige Wolkenberge. Es fühlte sich an wie Tauchen. Wir flogen einen weiten Kreis um Miami, umflogen die Gewitter. Blitze zogen durch die Wolken, aber es war nur ein Konzert. Keine Angst mehr, ich war unverwundbar, ich war Alice auf dem Weg ins Wunderland. Die Landebahn war gespickt mit unzähligen Juwelen in Blau, Grün, Orange, Rot.

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Rites de marges.

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Ich bekam das erste Taxi, obwohl ich später an der Reihe war: Richtung South Beach. Ich müsse in einer halben Stunde im Hotel sein, sonst ist die Rezeption nicht mehr besetzt. Schaffst du das? Er grinste: Will you hook me? Ich verstand nicht, er lachte, will you give me a good tip? Natürlich, ich bin die Königin des Trinkgelds. We will be there in twenty minutes. Er fuhr wie der Teufel. Ich war in Miami. Er sei der beste Fahrer der Stadt, ob ich ihm glaube. Of course. I trust you. Schon war er verliebt. Und vor meinem Fenster rauschten Palmen in der Dunkelheit vorbei, wir fuhren über Brücken, Lichter, das Taxi sprang förmlich von links nach rechts, von rechts nach links, ich musste lachen und hatte nur Augen für die Palmen. Als ich ausstieg, beschlug meine Brille. Er winkte mir noch nach, bis ich im Hotel verschwand.

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Rites d'agrégation.

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South Beach war Laziness. Ein Ort für die Verirrten. Es war einem stets etwas schwindelig, auf eine angenehme Art. Am Abend, bevor ich weiter nach Westen fuhr, badete ich im Atlantik. Ich stand mit meinen von den Flip Flops aufgescheuerten Füßen im harten Salzwasser, genoss das Brennen, das warme, grünblaue Wasser; über den Häusern am Ocean Drive ballten sich die Wolken. Am Horizont überm Meer ballten sich die Wolken. Die Luft war träge, eine ewige Ruhe vor dem Sturm. Ich bemerkte eine Bewegung im Augenwinkel und drehte mich hin zum offenen Meer. Da glitt ein Pelikan auf der Höhe meines Kopfes an mir vorbei, fünf Meter entfernt. Wir sahen uns in die Augen, kurz schien er neben mir in der Luft stillzustehen, dann flog er lautlos weiter. Ich war da.

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Wie einen die selbst gewählte Form zuweilen bedrängt, bedrückt und belastet. Denn manchmal möchte man anders schreiben, in anderer Form, mehr Einfachheit finden. Und dann traut man sich nicht. Denn sonst wäre alles dahin. Die Form.






 
Wenn sich vier in die Runde geworfene Lebenslinien für zwei Tage verknäulen, verbandeln.






 
Inzwischen habe ich gelernt: Wenn in Büroräumen ausschließlich blasse, großäugige Mädchen sehr still herumsitzen, heißt dies gerade nicht, dass es mir besser ergehen wird. Diese Hoffnung ist immer ein Trug. Und deswegen sage ich nein und warte auf den etwas weniger mageren Spatz.






 
Im Kopf die Leinen los.






 
Als Jonathan Barnes von der Humboldt-Universität seinen Ehrendoktortitel verliehen bekam, sprach er darüber, dass "death nothing to us" ist. Erst zerpflückte er jedes Argument der Epikureer, warum wir den Tod nicht fürchten müssten. Gegen die Konsequenz, dass dann wohl doch jeder für sich seinen Tod zu fürchten habe, es zumindest jedoch gute Gründe gibt, seinen Tod zu fürchten, setzte er, bevor alle hinausgingen, Sekt tranken und Schlange standen, um ein Wort an ihn richten zu können, lediglich folgendes entgegen: Er habe eine Lebensversicherung, die seine Hinterbliebenden versorge, wenn er stirbt, und er weiß, wer sein gerade begonnenes Buch zu Ende schreiben wird, wenn es ihn erwischt. Kleine Ziele setzen.






 
Der Spieß durch das Osterlamm sollte genau in der Mitte der Stirn wieder austreten.






 
Auf einen Schoppen bei Schopenhauer.







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