moserêthikê

Aisthêseis

 
"4321" als ungekürztes Hörbuch im Original, gelesen von Paul Auster. 866 Seiten, 37 Stunden. Austers Stimme ist Balsam: dunkel, rauh, ruhig, konzentriert, ernst, fast feierlich. Und während ich in der Hässlichkeit Berlins zwischen unhöflichen Menschen früh aus der Tram trete, wird Archibald Ferguson geboren.






 
Eine starke Erinnerung an mein Kindsein ist das Glücksgefühl bei der Heimkehr nach langen Reisen. Wie verlassen die Wohnung dalag und gleichzeitig hoffnungsvoll, als habe sie uns zurückersehnt, wurde dann aber doch in ihrem Tun, das aus nichts anderem bestand, als in Ruhe und Frieden dazuliegen, unerwartet gestört. Ich ging immer zuerst in alle Räume, die unfassbar ordentlich wirkten und zugleich staubig, ein Zustand, der sich auch in ihrem ureigenen Duft zeigte. Und wie froh ich damals war, mein Bett wiederzusehen und meinen Schreibtisch. Meinen Raum wiederzuhaben und die Tür, die ich zumachen konnte. Und jedesmal war ich überzeugt, dass keine Reise jemals so schön sein könnte wie dieser Moment der Rückkehr.






 
Das chinesische Mädchen, das ich am Flughafen adoptierte. Sie reiste durch die ganze USA, um eine Universität zu finden, an der sie studieren könnte. Der Termin in Boston hatte sich kurzfristig ergeben. Sie war sehr aufgeregt und sagte immer wieder laut: Wenn ich es San Francisco geschafft habe, den Weg zu finden, dann wohl hier auch. Ich hatte viele Fragen an sie und fragte nichts. Sah dem Vögelchen nur zu. Hier habe auch eine ihrer Schwestern studiert. Sie fragte andauernd sehr laut alle möglichen Menschen nach dem Weg. Wie schnell mir das zu viel wurde. Ich wollte allein herausfinden, mich in die Stadt hineinfinden, ohne mein Fremdsein zu offenbaren. Ich kannte den Weg auch schon. Der U-Bahn-Plan war fest in meinem Kopf. Ich war erleichtert, als wir uns wieder trennten. Erst dann kam ich an.

Ich redete mit vielen Menschen. Und viele von ihnen waren im letzten oder vorletzten Jahr in Berlin gewesen. Wo sind die alle? Und wieso fahren sie hierher? Und sie guckten ganz liebevoll beim Gedanken an Berlin. Ich identifizierte viele Orte anhand vager Beschreibungen. Das Grill Royal, in dem ich selbst noch nie war. Ich saß an vielen Restaurant-Bars, wurde von freundlichen und hübschen Kellnern hofiert und lauschte den Gesprächen nebenan. Gibt es das hier auch, dass man sich bei Dates anpreist wie bei einer Bewerbung und sich und alle seine Macken erklärt und erklärt und erklärt? Beim ersten Treffen? Ich hörte viele solcher Anstrengungen, während ich Abend für Abend so gut aß, dass ich es selbst kaum fassen konnte. Boston war wie ein Traum. Da war er also, mein persönlicher amerikanischer Traum. Und ich verstand für einen Moment im Fenway Park diesen fürchterlichen Patriotismus, der von hier aus gesehen so fremd ist. Überhaupt sieht man von hier aus ja alles Schlechte. Ist das Deutsch oder Europäisch? Vielleicht ist es ja besser. Aber anstrengender ist es dafür auch.

Jeder einzelne Buckelwal ist identifizierbar. Die meisten von ihnen haben Namen. Meine drei Wale sind daher nicht irgendwelche Wale, sondern sie heißen Kakophony und Valley und dazu ihr Kalb, was erst noch einen Namen erhalten muss. Der Gedanke an die Namen macht mich sehr glücklich. Sie schwimmen zwischen Neufundland und der Karibik. Einen Wal da draußen zu berühren, Kontakt herzustellen, mit so einem Wesen zu kommunizieren, das wäre ein gewaltiges Glück.

Nördlich von Provincetown verlief ich mich fast in den Dünen. Es war ein existenzieller Moment. Es gab keinen Handyempfang, es gab nur Sonne, Gleißen, Sand, trockene Nadelbäume. Ich sah weder das Meer noch eine Straße noch Menschen. Nur Spuren im Sand, die keine Richtung hatten. Ich kam aus dem kleinen Europa, wo eine Düne zum Meer hinführt. Für ein paar Minuten überwältigte mich diese Panik. Ich ging im Kopf durch, was ich hatte: einen halben Liter Wasser, ein paar Kekse. Ich versuchte zurückzugehen, wie ich hergekommen war, doch es war wie im dichten Wald. Und Panik verdrängt den Orientierungssinn. Existenziell war auch, die Panik wieder fortzuschicken. Und hinterher, wenn einen Radfahrer überholen und der Bus nur eine Viertelstunde bis in die Stadt benötigt, fühlt man sich dumm und wie ein Nackter unter Bekleideten. Doch ich vermute, ich hatte etwas Wichtiges über dieses Land verstanden.

Ich bekam einen Sonnenstich und liebte Boston noch mehr als vorher.

Ich stand zum ersten Mal in meinem Leben vor einem Bild von Edward Hopper. Und es war wie in Paris vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal einen van Gogh sah. Der innerliche Zwang, das Bild mit den Fingerspitzen berühren zu wollen, ist fast stärker als man selbst. Aber am Ende beugt man sich doch den Regeln des Museums. Traurig ist das. Anders als van Gogh zeigt Edward Hopper in seinen Bildern meine Gefühle und deshalb musste ich fast weinen, als ich davor stand. Und ich lachte in die Stille des Raumes hinein, der vollgestopft war mit berühmten Namen, als ich die Geschichte von Andy Warhols Urin-Gemälde las, das da einfach so hing im besten Saal des Museums.






 
Es war so, als ob eine Königin Hof hielt. Oder es war noch nicht mal nur so als ob. Schon eine Ikone in den Blicken der Anwesenden. Und man konnte sich ihr und all dem nicht entziehen.






 
The Hobbit. Ein kleines Heimkommen. Zum gemeinsamen Herr der Ringe, nach Neuseeland, zur Freundschaft.






 
Als ich gerade auf die 35. Minute bei 8 km/h zulief, brachten sie bei CNN fickende Kaninchen und der Mann mit dem engen, schwarzen T-Shirt, den zu kurzen Shorts und dem zu geraden Rücken auf dem Crosstrainer vor mir zog diese Shorts zurecht und entblößte seine Arschspalte.






 
Ein rosafarbenes Einhorn flog durch die Staatsbibliothek.






 
Die Ruhe nach dem Putzen.






 
Heißgetränke stehen nicht zur Verfügung.






 
Dieses puschelige trocken-fedrige Brausen, wenn zehn Spatzenbälle zugleich losfliegen. Dabei hängt der Himmel tief von grauer Feuchtigkeit.







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